Technik

Ein Gebäudeleitsystem ausschreiben, ohne den Herstellernamen hineinzuschreiben

· Lesezeit 7 min

Schema mit zwei Arten, ein Gebäudeleitsystem auszuschreiben: oben ein Pflichtenheft auf Basis überprüfbarer Anforderungen (Lizenzen, PICS, Quelldateien, Historisierung, Engineering-Werkzeug), das zu drei vergleichbaren Angeboten führt; unten ein von einem Produktdatenblatt abgeschriebenes Pflichtenheft mit vorgegebener Marke und Typ, das nur ein einziges mögliches Angebot zulässt.
Derselbe Bedarf, auf zwei Arten spezifiziert: Die Klauseln links bestimmen die Anzahl der Angebote rechts.

Es gibt einen einfachen Test für eine GLT-Ausschreibung. Nehmen Sie das Dokument, streichen Sie jeden Markennamen, und fragen Sie sich, wie viele Anbieter darauf noch ehrlich antworten können. Lautet die Antwort «einer», ist der Wettbewerb reine Dekoration: Die beiden anderen Angebote dienen dazu, eine bereits getroffene Entscheidung zu rechtfertigen, und der Bauherr zahlt fünfzehn Jahre lang einen Preis, der nie verhandelt wurde.

Das ist fast nie Absicht. Es ist das Ergebnis einer Chronologie. Das Gebäudeleitsystem wird in einem Automationsprojekt oft zuletzt behandelt, zu einem Zeitpunkt, an dem der Terminplan drückt und das Datenblatt eines Produkts das einzige verfügbare Dokument ist, das Funktionen konkret beschreibt. Man schreibt es ab, nennt es Pflichtenheft — und die Ausschreibung schliesst sich um sich selbst.

Wovon genau ist die Rede

Eine erste Unklarheit muss weg, weil sie den Angebotsvergleich vergiftet: das Gebäudeleitsystem regelt nichts. Die Regelung läuft in den Automationsstationen und den lokalen Reglern, und sie muss auch bei abgeschaltetem Server weiterlaufen. Die GLT ist die Schicht darüber: Anlagenbilder, Alarme und deren Quittierung, Trendkurven und Historisierung, Zeitprogramme und Kalender, Sollwerte, Benutzerverwaltung, Berichte, Fernzugriff.

Diese Grenze ist nicht theoretisch. Steht sie nicht schwarz auf weiss in der Ausschreibung, kalkuliert ein Anbieter eine GLT, die anzeigt, ein anderer eine GLT, die Sequenzen steuert — und der zweite ist aus guten Gründen teurer, ohne dass es beim Zuschlag jemand belegen könnte. Diese Aufteilung wird in der Leistungsabgrenzungsmatrix festgehalten, vor der Kalkulation, nicht während.

Was wirklich kostet, und es ist nicht die Lizenz

Die Lizenzposition zieht die Aufmerksamkeit auf sich, weil sie bei der Angebotsöffnung die einzige sichtbare Zahl ist. Über die Lebensdauer der Anlage ist sie selten die dominierende Position.

Dominierend sind die Stückkosten jeder künftigen Änderung. Ein Geschoss ergänzen, eine Zone umbenennen, ein Bild erstellen, drei Jahre Messdaten für ein Energieaudit exportieren, ein Anlagenbild nach einem Umbau korrigieren: Diese Arbeiten fallen fünfzehn Jahre lang jedes Jahr an. Ihr Preis hängt nicht vom gewählten Produkt ab. Er hängt an einer einzigen Frage, die die Ausschreibung beantworten muss: Kann der Betreiber diese Arbeit von jemand anderem ausführen lassen als von dem, der das System installiert hat?

Die Antwort steckt in fünf Klauseln.

Die Lizenzen. Das genaue Modell muss vorgegeben und nicht beschrieben werden: Anzahl Datenpunkte, Anzahl gleichzeitiger Client-Sitzungen, benannte oder konkurrierende Benutzer, Dauerlizenz oder Abonnement, Kosten des jährlichen Software-Wartungsvertrags und dessen Indexierungsformel, Preis der nächsten Erweiterungsstufe. Und vor allem der Inhaber: Die Lizenz muss auf den Bauherrn ausgestellt und übertragbar sein, die Zertifikate werden bei der Abnahme übergeben.

Die Protokolle, auf der Client-Seite. «BACnet-kompatibel» sagt nichts über die Seite, auf die es ankommt; wir haben andernorts ausgeführt, warum dieses Wort nichts garantiert. Verlangt werden müssen das PICS der Leitstation, das angestrebte Geräteprofil, die unterstützte BACnet-Revision und die Liste der tatsächlich umgesetzten Dienste — Lesen und Schreiben von Eigenschaften, COV-Abonnement, Ereignis- und Alarmbehandlung, Auslesen der geräteseitigen Trend Logs, Schreiben auf Zeitprogramme. Dieselbe Anforderung gilt für Modbus, KNX, MQTT oder OPC UA, sofern vorhanden.

Die Engineering-Daten. Native Projektdatei, vollständige Zuordnungstabelle zwischen den Datenpunkten der GLT und den Feldpunkten, angewandte Bezeichnungskonvention, ETS-Projekt ohne Passwortschutz für den KNX-Teil, Modbus-Registertabellen, Sicherungen der Automationsstationen. Diese Unterlagen sind vertragliche Lieferleistungen und bei der Abnahme einforderbar wie ein Prinzipschema.

Die Historisierung. Format und Ablageort der Datenbank, Lesezugriff durch Dritte, Aufbewahrungstiefe, Verdichtungsregel über die Zeit, ein normierter Export oder eine programmierbare Schnittstelle. Ohne diese Klausel gehören die Verbrauchsdaten des Gebäudes faktisch dem Produkt, das sie speichert — und das erste ernsthafte Energieaudit wird zur kostenpflichtigen Leistung.

Das Engineering-Werkzeug und die Rechte. Wer darf ein Anlagenbild ändern, einen Datenpunkt ergänzen, eine Alarmschwelle anpassen? Ist das Konfigurationswerkzeug nur unter einem Partnervertrag des Herstellers erhältlich, bleibt der Betreiber gebunden, wie offen die Protokolle auch angeschrieben sind. Die Ausschreibung muss festlegen, welche Rechte der Betreiber erhält, welche Schulung dazugehört und wie er an das Werkzeug kommt. Im Kern ist das die Frage, wem die Schlüssel zum Gebäude wirklich gehören.

Eine Absicht in eine einklagbare Klausel übersetzen

Eine Anforderung existiert nur, wenn ihre Nichterfüllung bei der Abnahme feststellbar ist. Die folgende Tabelle stellt den häufigsten Formulierungen gegenüber, wodurch sie zu ersetzen sind.

AbsichtÜbliche, nicht einklagbare FormulierungEinklagbare Formulierung
Offenheit«Offenes System, BACnet-kompatibel»PICS mit dem Angebot, Profil und Revision gefordert, Dienste aufgelistet, Interoperabilitätstest mit einem Fremdclient während der Abnahme
Eigentum am System«Lizenzen inbegriffen»Lizenzen auf den Bauherrn ausgestellt, übertragbar, Zertifikate und Schlüssel bei der Abnahme übergeben
Erweiterbarkeit«Erweiterbares System»Einheitspreis für den zusätzlichen Datenpunkt und die nächste Lizenzstufe, fünf Jahre verbindlich, im Leistungsverzeichnis ausgewiesen
Dokumentation«Vollständige Dokumentation»Namentliche Liste der Lieferleistungen, native Quelldateien, ETS-Projekt ohne Passwort, Sicherungen der Automationsstationen, Übergabe vor Schlusszahlung
Daten«Historisierung der Messwerte»Datenbank für Dritte lesbar, Tiefe und Verdichtung definiert, normierter Export bei der Abnahme nachgewiesen
Cybersicherheit«Sicheres System»Personalisierte Konten ohne Sammelkonto, Update-Politik, kein ins Internet exponierter Dienst, Grundsätze der IEC 62443 im Perimeter angewandt
Abnahme«Inbetriebnahme und Prüfungen»Einzelprüfungen, danach integrale Funktionsprüfungen auf Basis der Datenpunktliste, Protokoll Punkt für Punkt unterzeichnet

Keine dieser Formulierungen bezeichnet ein Produkt. Alle sind überprüfbar. Genau das erlaubt es, drei unterschiedliche Angebote zu erhalten und sie zu vergleichen.

Das Leistungsverzeichnis entscheidet über die Vergleichbarkeit

Eine GLT-Ausschreibung lässt sich schlecht kalkulieren, weil die Positionen von Natur aus nicht gleichartig sind. Die Struktur des Leistungsverzeichnisses vorzugeben — und undifferenzierte Pauschalen zu untersagen — macht die Angebotsöffnung erst auswertbar: Serverhardware und Clientarbeitsplätze, Lizenzen nach Art aufgeschlüsselt, Engineering der Anlagenbilder nach Anzahl Bilder, Integration nach Anzahl Datenpunkten und Protokoll, Inbetriebnahme, Schulung in Stunden, Dokumentation, dann der jährliche Wartungsvertrag mit den enthaltenen Leistungen und den Reaktionszeiten.

Der Wartungsvertrag gehört bereits ins Angebot und nicht in die Verhandlung nach dem Zuschlag. Wird er erst nach der Installation besprochen, verhandelt man mit dem einzigen möglichen Gegenüber.

Den Zuschlag nach mehr als dem Preis erteilen

Die Revision des schweizerischen Beschaffungsrechts hat den Schwerpunkt vom tiefsten Preis zum wirtschaftlich günstigsten Angebot verschoben. Dafür müssen die Zuschlagskriterien mit ihrer Gewichtung veröffentlicht und anhand von Unterlagen bewertet werden, die der Anbieter tatsächlich einreicht.

Bei einer GLT unterscheiden wirklich: der durch die eingereichten Unterlagen belegte Grad an Offenheit, die Vollkosten über die betrachtete Dauer — Lizenzen, Wartung und Erweiterungen inbegriffen —, die Verfügbarkeit alternativer Wartungsanbieter am Markt, Referenzen auf vergleichbaren Anlagen, die seit mehreren Jahren in Betrieb sind, und die Qualität der Übernahme des Bestands, sofern einer vorhanden ist.

Eine ausdrücklich zugelassene Unternehmervariante ist oft die beste Investition des ganzen Verfahrens: Sie lässt Architekturen auftauchen, an die das Pflichtenheft nicht gedacht hat — vorausgesetzt, man hat vorher festgelegt, welche Anforderungen nicht verhandelbar sind.

Was eine gut geschriebene Ausschreibung nicht leisten kann

Sie beseitigt die Abhängigkeit nicht, sie verschiebt sie. Ein Betreiber, der Lizenzen, Quelldateien und das Engineering-Werkzeug erhält, bleibt abhängig, wenn niemand im Haus damit umgehen kann: Die Schulungsklausel und das angestrebte Kompetenzniveau gehören zum Dispositiv, sonst bleiben die Unterlagen in der Schublade.

Sie garantiert die Interoperabilität auch nicht allein durch die Lektüre von Dokumenten. Ein konformes PICS hat noch nie bewiesen, dass ein System korrekt mit einem anderen spricht. Nur der reale Integrationstest während der Abnahme und an den realen Datenpunkten zeigt es — deshalb muss er in der Ausschreibung stehen, mit der Zeit und dem Zugang, die dafür nötig sind.

Schliesslich setzt sie eine Vorarbeit voraus, die nicht in der Ausschreibung steht: die Datenpunktliste und die Leistungsabgrenzungsmatrix. Ohne sie gibt es keine Grundlage, um eine Integration zu kalkulieren oder ein Abnahmeprotokoll zu unterschreiben.

Diese Arbeit macht niemand an Ihrer Stelle

Der GLT-Lieferant beschreibt sein Produkt — das ist sein Beruf, und er macht es gut. Der Integrator antwortet auf das, wonach gefragt wird. Der Generalunternehmer will das Los im vorgegebenen Termin schliessen. Keiner dieser Beteiligten hat einen Grund, ein Dokument zu verfassen, das die Zahl der antwortfähigen Mitbewerber erhöht.

Das ist die Rolle eines unabhängigen Ingenieurbüros: aufzuschreiben, was das Gebäude erhalten soll, bevor der Markt entscheidet, was es erhalten wird. Bei Workswell verfassen wir Ausschreibungen für GLT-Systeme und Integration, wir erstellen die Datenpunktliste und die Leistungsabgrenzungsmatrix, die sie im Rahmen der MSR-Konzeption und -Planung kalkulierbar machen, wir werten die Angebote nach einem vor der Öffnung festgelegten Raster aus und führen die funktionale Abnahme in der Bauherrenunterstützung durch. Wir verkaufen weder Lizenzen noch Integration — und wir übergeben Dokumentation, Lizenzen und die Kontrolle über die Anlage konsequent demjenigen, der sie betreibt.

Häufige Fragen

Darf in einer GLT-Ausschreibung eine Marke genannt werden?

Im öffentlichen Beschaffungswesen nicht: Die Spezifikation muss technologieneutral sein, und ein Produkthinweis ist nur beispielhaft zulässig, mit dem ausdrücklichen Zusatz, dass Gleichwertiges zugelassen ist. Privat ist es möglich — es bedeutet aber, freiwillig auf den Wettbewerb bei der langlebigsten Position der Anlage zu verzichten.

Soll die GLT getrennt von der Automation ausgeschrieben werden?

Beide Wege sind vertretbar. Ein einziges Los vereinfacht die Verantwortung im Störungsfall; zwei getrennte Lose erhalten den Wettbewerb bei der GLT und erleichtern deren späteren Ersatz — vorausgesetzt, die Grenze zwischen beiden ist präzise spezifiziert und die Austauschprotokolle sind vorgegeben.

Wie vergleicht man Angebote mit unterschiedlichen Lizenzmodellen?

Indem man im Leistungsverzeichnis ein gemeinsames Referenzszenario vorgibt: Anzahl Datenpunkte, Anzahl Clientarbeitsplätze, Anzahl Benutzer, Betrachtungshorizont und zu kalkulierende Erweiterungen. Jeder Anbieter rechnet sein Modell auf dieses Szenario, und die Endsummen werden wieder vergleichbar.

Was ist bei einer GLT-Erneuerung im Bestand zu verlangen?

Eine Bestandsaufnahme vor dem Schreiben: tatsächlich betriebene Protokolle, Revisionen der Automationsstationen, effektiv verdrahtete gegenüber dokumentierten Datenpunkten, laufende Lizenzen und deren Inhaber. Das ist Gegenstand eines vorgängigen MSR/GLT-Audits. Die Übernahme des Bestands ist die Position, die die Angebote am stärksten auseinandertreibt, und der einzige Weg, sie kalkulierbar zu machen, besteht darin, sie anstelle der Anbieter zu dokumentieren.

← Alle Artikel

Ebenfalls lesenswert

Artikel

Ein Projekt, eine Sanierung oder eine Frage?

Ein erstes Gespräch genügt in der Regel, um das Potenzial und den Umfang des Mandats abzustecken.